Gestern, Anhörung: “Ikea in Altona?” Eine Schulaula, proppenvoll mit Anwohnern, die sich im Vorfeld intensiv damit beschäftigt haben, ob sie eine Ansiedlung von Ikea im Stadtteil Altona-Altstadt gut finden oder eben nicht.

Die Kritiker der Ansiedlung hatten im Vorfeld längst ihre Argumente zu Gehör gebracht. Unter anderem: Verkehrsaufkommen, Lärmbelastung, Mietsteigerungen, Arbeitsplätze und -bedingungen, Vertreibung der Künstler aus dem Frappant, Veränderung des Stadtteilbildes durch ein dominant gestaltetes Gebäude. Das sind vollkommen berechtigte Fragen, welche die Stadt und Ikea zur Zufriedenheit der betroffenen Anwohner beantworten können sollten. (Die fundamentalistische Immer-Dagegen-Position Ikea = Kapitalismus = Scheiße war ebenso vertreten, hier wird man auch mit Argumenten nicht weiterkommen.)
Und womit beginnt der Ikea-Vertreter? Mit einer faden Powerpoint-Präsentation! Über Unternehmenshistorie und das Konzept von Ikea?! Auf den ersten 6-7 Folien stehen tatsächlich Sätze wie*: “Bei Ikea kauft man günstige Möbel und montiert sie zu Hause selbst.” Oder: “Der Katalog 2009 ist 10% kompakter und passt deshalb auch in kleinere Briefkästen.” Will der seine Zuhörer veralbern?
* Aus dem Gedächtnis zitiert. Diese Powerpoint-Folien hat er angesichts des lautstarken Unmuts der Zuhörer dann doch schnell übersprungen, bevor man ihn lyncht.
Hat er sich nicht vorher die Mühe gemacht, die Argumente der Gegner und Befürworter zu sichten? Warum berichtet er nicht von den Erfahrungen mit Innenstadt-Ikeas in Großbritannien und USA? Warum erklärt er nicht, wieso Ikea sicher ist, dass über 50% der Kunden ohne Auto anreisen werden? Ich will ihm das ja gerne glauben, aber er versucht nicht einmal, die Zuhörer zu überzeugen. Man muss ihm gar nicht unterstellen, dass es ihm egal wäre. Vermutlich hat Ikea jemanden nach Altona geschickt, der noch nie Gegner eines Projektes von seiner Planung überzeugen musste.
Der Gutachter für das Verkehrsaufkommen macht dagegen keinen Hehl daraus, dass ihm die Zuhörer egal sind. Da sitzt also ein Auditorium voll mit Menschen, die brennend daran interessiert sind, warum der zusätzliche Ikea-Verkehr für Altona kein Problem darstellen soll. Ein traumhaftes Publikum für jemanden, der von seiner Arbeit berichten will. Und was sagt er? Nicht wesentlich mehr als “Wir haben das durchgerechnet, ist kein Problem. Im übrigen sind wir Fachleute und wissen, wovon wir reden.” Hallo? Zahlen? Methodik? Vergleichswerte? Erfahrungen aus ähnlichen Projekten? Nichts davon.
Dann, oh je, die Politiker. Die FDP ist mal wieder egal. Der Vertreter der Linken faselt von Enteignung. Der CDU-Mann zieht sich auf das Ergebnis des Volksentscheids zurück, statt selbst sinnvolle Bedingungen an Stadtverwaltung und Ikea aufzustellen. Die SPD versucht das zumindest, will aber ebenso den Volksentscheid abwarten. Die GAL-Vertreterin droht den anwesenden Anwohnern dunkel damit, dass der Stadtteil dem Niedergang geweiht sei. Es hätte von ihr noch der Nachsatz gefehlt “Und Ihr verdient es auch gar nicht, von Ikea gerettet zu werden, Ihr undankbaren Trottel!”
Insgesamt hat die Pro-Ikea-Fraktion gestern einen unfassbar schlechten Eindruck hinterlassen. Schlecht vorbereitet und arrogant gegenüber der Kritik und ohne jeden ehrlichen Versuch, die noch skeptischen Anwohner (wie z.B. meinen Nachbarn Erik) zu überzeugen. Und das schreibe ich als einer, der Ikea in Altona begrüßt.
Aber auch die Ikea-Gegner haben nicht überzeugt. Rumpöbeln, Schimpfen, Drohen, dumpfer Hass – eine wirklich tolle Diskussionskultur bringt Ihr da mit, Leute. Es mag sich ja großartig anfühlen, wenn man eine Anhörung per Megaphon-Ansprache sprengt, aber Euch will ich sehen, wenn Ihr mal so niedergebrüllt werdet, wie Ihr es gestern begeistert getan habt. Mannmannmann.
[...] @hzulla Der Gutachter für das Verkehrsaufkommen machte dagegen keinen Hehl daraus, dass ihm die Zuhörer [...]
[...] Inzwischen gibt es auch Zusammenfassungen von Altona Info, Ring2 und Hanno. [...]
Wie schön, mal einen Bericht von jemand zu lesen, für den Diskussionskultur und Kommunikation das Wichtigste sind und der auch Standpunkte der Gegenseite akzeptiert. Ja, ich hatte auch bei etlichen solchen Treffen Unternehmer vs. Bürgerinitiative das Gefühl, dass vor allem beiderseitige Ignoranz das Problem erzeugt, das in Wirklichkeit eine umfassende Lösung (mit einigen Kompromissen natürlich) für beide Seiten sein könnte.
Vielen Dank für diesen Bericht. Als Bürger bin ich verdrossen ob solcher Anhörungen, die keine sind.
Als Präsentationsberater weiß ich, dass den meisten Menschen, die etwas präsentieren (müssen), die Einsicht fehlt, für das Publikum zu präsentieren. Sie spulen daher ein Programm ab, das ihnen das Gefühl gibt, ihre Pflicht getan zu haben. Das Ganze noch schön vollgestopft mit vielen Daten, wie um zu beweisen, dass sie auch fleißig waren…
Insofern denke ich, dass die Präsentationen gut gemeint waren. Aber die Präsentatoren waren eben einfach unfähig. Schade.