Lieber Olaf Scholz,
nun willst Du* also den glücklosen Interimsdilletanten Ahlhaus beerben und Bürgermeister von Hamburg werden.
Der Wahlkampf ist im vollen Gange und Fototermine sind wichtig. Nächsten Samstag wirst Du beim Netzcamp der SPD Hamburg sprechen. Vielleicht nur ein weiterer kurzer Termin für den Wahlkampf, schnell mal Hände schütteln, für die Fotografen vor einem Bildschirm posieren, Blitzlicht abwarten, dann weiter zum nächsten Termin.
Das wäre auch ok, aber irgendwie schade.
Gelegentlich lese ich begeistert, was einige SPDler zum Internet zu sagen haben, Deine Partei hat hervorragende Leute zum Thema Netzpolitik. Du, Olaf, lässt Dich sogar schon heute von einigen von ihnen beraten. Hervorragend.
Nur immer dann, wenn es drauf ankommt – zuletzt z.B. bei Themen wie der Online-Durchsuchung, Copyright, Internetsperren, JMstG – hörte die SPD leider nicht auf die Experten aus den eigenen Reihen, sondern auf die Wiefelspütze, Gornys und Dörmänner. (Der SPD-Onlinebeirat der SPD war darüber so frustriert, dass er sich schließlich entleibte, ohne dass es jemand in der Partei bemerkte.)
Damit folgte die SPD bei vielen Grundsatzentscheidungen zuletzt zu häufig dem inzwischen schon tragischen Missverständnis der Konservativen in Bezug auf das Internet. Für das konservative Weltbild mit seinem Wunsch nach Obrigkeit und dem Anspruch auf Autorität erscheint das Internet nicht als gute Sache, sondern als ein Problem, das reguliert, kontrolliert, beschnitten, verhindert werden muss.
Auch Du hast Dich jüngst leider dazu hinreißen lassen, der CDU zu versprechen, dass mit Dir eine Vorratsdatenspeicherung ja gar kein Problem wäre. Das war wohl als kleine Gemeinheit gegen die FDP gemeint, doch nein, es war keine tolle Idee von Dir. Einige der lautesten Aktivisten gegen die VDS sind in der SPD. Rede bei sowas doch vorher mal mit denen.
Hamburg, die Stadt, die Du regieren willst, hat eine relativ florierende Internet-Wirtschaft. Naja, relativ, ich kenne so einige Gründer, die inzwischen weniger begeistert sind. Weil die deutsche Netzpolitik so erratisch ist. Wie schizophren z.B. unser Datenschutz ist, durfte der Hamburger Datenschutzbeauftragte ja gerade persönlich feststellen.
Du könntest der erste Regionalfürst werden, der mit einer Vorreiterrolle in der Netzpolitik auch einen Standortvorteil für seine IT-Wirtschaft definiert.
Hat die SPD inzwischen eine positive Vision zum Internet?
Sag Du es mir. Vielleicht wäre es ja ein Grund, Dich zu wählen.
* Sehr geehrter Herr Scholz, Ihr Genossen duzt Euch alle. Wir im Internet auch. Ich hoffe, Du hast nichts dagegen.







