
Vor 10 Jahren erlaubte sich Aaron Koenig einen kleinen Spaß mit einer Mitmach-Website für seinen Song Schick mir Dein GIF!
Surfpop für Internetsurfer inkl. Schweineorgel-Solo. “…aber bitte nicht mehr als 120K!”
Damals jobbte ich als Student bei der von Aaron mitgegründeten Agentur Lava und programmierte einen Bilder-Upload für die Website zum Song. Aus den so gesammelten Bildern wurde später ein Plattencover gestaltet. Ein großer Spaß, Web 2.0 gab’s lange vor der Erfindung des Buzzwords, nur waren die Teilnehmerzahlen geringer.
Das Lied war als kostenloser Download verfügbar und ist heute leider in der Versenkung verschwunden, man findet nur noch die alten Presseberichte mit toten Links, aber nirgends die nach wie vor coole Musik.
Das muss sich ändern. Zum zehnjährigen Jubiläum also das Revival:
Für die Bürgerschaftswahl-Werbekampagne “Wirf deine Stimme nicht weg” hatte man eine nette Idee: Der Spruch wurde auf Hamburger Papierkörben im ganzen Stadtgebiet geklebt. Ob die Werbeagentur da allerdings schon wusste, dass man am Wahltag umgebaute Mülltonnen (dpa nannte sie liebevoll “Wahltonnen”) einsetzen wird?



Nach der Wahl:

Das Hamburger Abendblatt hat am Dienstag alle Wahllokal-Ergebnisse abgedruckt – und die Ergebnisse zweier Parteien vertauscht gelistet. Heute schreibt die Redaktion:
“Eine Bitte um Entschuldigung: [..] Diesmal haben wir die Daten nicht per Hand, sondern über eine Software eingelesen. Und was passiert? Da, wo GAL in der Liste steht, tauchen die Prozentzahlen der FDP auf – und umgekehrt. [..] Unsere Leser können wir nur um Entschuldigung bitten.”
Leider eine lahme Ausrede, denn die Abendblatt-Redaktion verwendet seit sehr vielen Jahren ein vollständig EDV-gestütztes Redaktionssystem, irgendwo ist also immer eine Software zwischen Redakteur und Zeitungspapier. (Kaum zu glauben, dass die Zahlenkolonnen noch bei der letzten Wahl von Hand übertragen wurden.) Vermutlich hat da also nur jemand die Software falsch bedient, anschließend hat’s niemand geprüft und jetzt schiebt man es auf “die Software”.
Indirekt hat das wieder mit dem Thema Wahlcomputer zu tun: Wahlhelfer müssen (und werden) einem Computer blind vertrauen, dass der schon alles richtig zählt. Nachdenken müssen, Nachprüfen können Wahlhelfer dann nicht mehr.
“Alles, was danach passiert, ist eine black box. Natürlich muss der Computer ‘nur noch’ addieren, aber für die Wahlhelfer ist nicht auf einen Blick ersichtlich, ob ein ausgewerteter Stimmzettel korrekt den jeweiligen Parteien oder Kandidaten zugeordnet wird. Natürlich kann man im Kopf mitzählen und nach jedem zweiten Stimmzettel auf den Reiter der Ergebnisse gucken und schauen, ob diese noch passen. [..] Bei all diesen Kontrollen darf man nicht vergessen, dass der typische Computernutzer seinem Gerät vertraut. Er bekommt die Anweisung, nach einer Eingabe alles zu kontrollieren. Das macht er 20 Minuten lang. Spätestens dann glaubt er dem Computer, weil der macht immer das gleiche und hat ja eh immer Recht.”
Einige Blogger diskutieren bereits die Hamburg-Wahl und geben dem neuen Wahlrecht die Schuld für die miese Wahlbeteiligung.
Ich war früher auch sehr skeptisch und erwartete große Probleme mit dem neuen Wahlrecht, aber nach der gestrigen Premiere als Wahlhelfer bin ich überzeugt, dass die ach-so-schrecklich-komplizierten 2 x (1 + 5) = 12 Kreuze nicht die Ursache dafür sein können, dass die Wähler lieber zu Hause blieben.
In “meinem” Wahllokal waren die allermeisten Wähler gut vorbereitet, die vor der Wahl verschickten Wahlzettel waren für viele ein Anlass, sich sehr genau damit zu beschäftigen. Einzelne schimpften und schwadronierten. Aber wenn, dann kritisierten sie eigentlich nur die Kosten der längeren Auszählung und dass das alles ja eh nichts verbessern wird. Viele bedauerten uns Wahlhelfer für die längere Auszählung, eine Wählerin brachte Süßigkeiten mit. (Nett!) Aber vielleicht war dieses Wahllokal nicht repräsentativ: Hätte ganz Hamburg so gewählt wie bei uns, Michael Naumann wäre mit Abstand Bürgermeister.
Auch ich habe “meine” Kandidaten vor der Wahl einzeln recherchiert und nun bewusst die gewählt, von denen ich denke, dass sie meine Interessen vertreten. Sie standen nicht oben auf ihrer Liste. Mal sehen, aber es sollte eine Verbesserung sein, dass treue Parteisoldaten nun nicht mehr wie bisher nur bräsig auf ihrer Listenposition hocken müssen, um gewählt zu werden.
Chaos und Warteschlangen blieben aus, die Wahlhelfer kamen gut zurecht, so auch in unserem Wahllokal.
Vor der Wahl wurde befürchtet, dass die Wahlergebnisse nun erst nach Tagen ausgezählt sind und Politik und Öffentlichkeit bis dahin im unklaren bleiben, wie es weitergeht. Platte Propaganda. Die Parteiergebnisse waren so schnell wie auch früher da und nun muss man nur noch die Kandidatenauszählung abwarten. Kein Problem, auch nicht in einer schnellen Mediendemokratie.
Der Hamburger Wahlstift war zerbrochen. Wahlleitung, CDU und Lokalpresse jammerten im Chor darüber, dass man es nie schaffen würde, die nun benötigten Wahlhelfer zusammenzutrommeln. Gründe genug, sich als Wahlhelfer zu melden und mal kennenzulernen, wie so eine Wahl von innen aussieht.

Mit dem neuen Hamburger Wahlrecht steigt die Zahl der Kreuze und der Umfang des Wahlzettels. Für das gestiegene Papiervolumen stand eine formschöne Wahlurne im Hamburger Rot-Weiß bereit (“geprüfte Behälter-Qualität”). Einige Wähler amüsierten sich über die gut erkennbare, umgebaute Plastikmülltonne.

Obwohl die Presse das Wahlrecht als hochkomplex beschrieb, ließen sich die Wähler offenbar nicht davon abschrecken. Die Wahlbeteiligung in unserem Lokal war fast so hoch wie bei der vorherigen Wahl, trotzdem waren die allermeisten gut über Kumulieren und Panaschieren informiert. Nur wenige hatten Fragen, vereinzelt wurde über die Kosten schwadroniert.
(Ich habe zuletzt in diesem Blog auch öfter geschrieben, dass das Wahlrecht zu kompliziert sei – das nehme ich nun zurück.)

Heike und ich waren nur bei der einfachen Auszählung der Landes- und Bezirkslisten dabei, diese dauerte ca. 2,5 Stunden und verlief problemlos.

Die Auszählung erfolgte per Hand, der einzige eingesetzte Computer war der angerostete, aber voll funktionstüchtige 24 Jahre alte Sharp-Taschenrechner des Wahlvorstands.
Die Auszähler waren ein buntes, gut gelauntes Volk, eine Wahlhelferin war 85 Jahre alt. Die Stimmen für DVU und Kusch wurden von den Wahlhelfern unter lautem Fluchen kommentiert, aber natürlich brav mitgezählt.
Die eigentlich interessante Auszählung der Kandidatenzettel mit ihren 2 x 5 Stimmen beginnt morgen. Diese Stimmzettel sind die Neuheit und der Grund, warum man sich einen Wahlstift als “Zählhilfe” wünschte. Es wird also spannend, welche Erfahrungen man mit der Handauszählung machen wird.

Die Wahl und ihre Auszählung waren leicht verständlich und für jeden nachvollziehbar. Als Informatiker erscheint mir das der bessere Weg gegenüber einem für Laien nicht verständlichen und für Experten nicht prüfbaren Wahlcomputer.
Es war interessant, bei der nächsten Wahl sind wir wohl wieder dabei.
Der Anwalt der FDP hat am Dienstag meinen Anwalt kontaktiert und fragte, ob ich hier aus seiner Replik zitieren kann:
“Wie Sie wissen, unterliegt die politische Werbung einer Partei – auch im Internet – dem Schutzbereich von Art. 21 Abs. 1 S. 1 GG. Besonders in Wahlkampfzeiten umfasst die Betätigungsfreiheit von politischen Parteien das Recht, seine politische Meinung zu verbreiten, wie in dem Wahlwerbespot der FDP Hamburg geschehen.
Unsere Mandantinnen bedauern jedoch, dass Ihr Mandant den Wahlwerbespot zur Bürgerschaftswahl in Hamburg an seine private E-Mail-Adresse übersandt bekommen hat, ohne dass er zuvor in den Empfang solcher E-Mails eingewilligt hat. Es ist nicht Bestandteil des Wahlprogramms der FDP, unter Verschleierung der Identität des Absenders Dritten unaufgefordert Wahlwerbung per E-Mail zuzusenden. Der Versand des Wahlwerbespots mit Sky DuMont war in dieser Form nicht abgesprochen. Besprochen war, dass nur Empfänger von E-Mails, die ihre Zustimmung erteilt haben oder deren Einverständnis vermutet werden konnte, angeschrieben werden sollten.
Bei Ihrem Mandant ging man einem solchen vermuteten Einverständnis aus, da er an verschiedenen politischen Internetprojekten wie der politik-digital-Webseite, an der Webseite www.euco99.org oder der Webseite wahlkampf98.de mitgewirkt hat.”
Gegenüber heise.de erklärte er außerdem:
“Ein Mitarbeiter der Werbeagentur sei über das Ziel hinausgeschossen. Insgesamt bezeichnet [der Anwalt] die Kritik von Zulla aber als überzogen. ‘Der Spot ist legal, der Hersteller des Spots ist klar erkennbar. Mit dem Spot nimmt die FDP ihre grundgesetzlich geschützten Rechte wahr und informiert die Bürger Hamburgs.’ Bei Bloggern wie Zulla habe man vom Einverständnis zum Mailversand ausgehen können. Dass die Partei die Unterlassungserklärung unterschrieben habe, erklärt der Anwalt unter anderem mit ‘Gründen der Prozessökonomie’. Der Spot sei an maximal 15 bis 20 Adressaten versendet worden.”
Der Werbespot ist legal, darf verbreitet werden und ist erkennbar von der FDP. Das ist korrekt, war aber nicht das Problem.
Für politik-digital.de habe ich vor 9 Jahren ein wenig Technik und vor 3 Jahren ein Witzskript beigesteuert, das aktuelle Team der Website kenne ich nicht. Frühere Mitarbeit an politischen Websites bedeutet kein Einverständnis zur unfreiwilligen Teilnahme an einer Viralkampagne. Die Werbeagentur hatte diesen nachträglich vom Anwalt betonten Hintergrund auch gar nicht geprüft, sondern plump nach Bloggern zur Hamburg-Wahl gesucht und diese unter falschem Namen angeschrieben oder in deren Blogs Kommentare hinterlassen.
“Prozessökonomie” – ein tolles Wort.
Vor einigen Tagen erhielt ich auf meinem Mobiltelefon überraschend einen Anruf von einem prominenten FDP-Mitglied, der auch Anwalt ist: “Wenn Sie auf diese Abmahnung bestehen wollen, werden wir das sportlich sehen. Dann feuern wir zurück. Das wird sehr teuer für Sie.”

Was war geschehen? Ein paar Tage zuvor erhielt ich eine Mail, die Blogger dazu aufforderte, auf den Wahlwerbespot der FDP Hamburg zu verlinken. Es stellte sich heraus, dass der Absender “Niklas Sörensen” nicht existierte. Eine von der FDP beauftragte Werbeagentur wollte “viral” für “Buzz” sorgen. Sowas nennt man Guerilla Marketing. Falsche Namen, werbende Blog-Kommentare und unverlangte Mail an Multiplikatoren gehören dabei zum üblichen Handwerkzeug.
Nun ist Spam, also Werbung per unverlangter Mail, illegal. Und wer mit falschen Absendern und erfundenen Fürsprechern für sich wirbt, kann nicht erwarten, dass die Botschaft authentisch rüberkommt. Schade, wenn eine Partei, die Recht und Gesetz propagiert, solche Wahlkampfmethoden verwendet.
Mein Anwalt hat Anfang letzter Woche als Antwort eine Abmahnung an die FDP Hamburg verschickt, was zu der oben zitierten, heftigen Reaktion führte. Die von der Partei beauftragte Kanzlei war besonnener und hat offenbar schnell erkannt, dass der Fall eindeutig war: Die FDP Hamburg hat die Abmahnung noch vor Fristablauf akzeptiert.
Es ist fast schade, dass die “sportliche” Reaktion ausblieb. Man hätte vor Gericht klären können, ob Spam- und/oder getarnte Wahlwerbung in dieser Form illegal ist und ob der Auftraggeber einer Guerilla-Marketing-Kampagne für das Verhalten seiner Agentur mithaftet. Zu dieser Grundsatzentscheidung ist es nun nicht gekommen. Juristisch gesehen hat die FDP keine Schuld eingestanden, sondern “nur” kleinlaut zugegeben, dass man diesen Streit lieber nicht ausfechten will.
Der Chef der erwähnten Werbeagentur hielt einst eine Rede vor Fachpublikum, aus der ein Zuhörer die Erkenntnis “Werbung muss perfide sein” ableitete. Auch eine Abmahnung wird andere Parteien künftig nicht davon abhalten, eine Wahlkampagne mit solchen “hoffentlich erwischt uns keiner”-Methoden zu führen. Aber da jeder Betroffene einzeln abmahnen kann, kann es zum teuren Bumerang werden.
Am Jungfernstieg gibt es den surrealen Anblick eines großen per Metallzaun abgesperrten Geländes, das kein Mensch betreten darf. Im abgezäunten Bereich stehen… Wahlplakate:


Via Mail:
Betreff: FDP Wahlspot
Absender: n…@gmx.deHallo!
Kennst du schon den FDP-Wahlwerbespot für die Bürgerschaftswahlen in HH?
Wäre der nicht was für deinen Blog?”Viele Grüße,
N.
Der schlecht getarnte Absender: Die Hamburger Werbeagentur Oysterbay, deren Mitarbeiter sich selbst als Experten für Guerilla-Marketing bezeichnen. Wie geht Oysterbay vor? Sie suchen in Google nach Blogs, die das Thema Wahl in Hamburg erwähnen, und spammen danach die Autoren an. Aha. Wenn man als Marketingprofi so plump vorgehen kann und trotzdem dafür bezahlt wird, muss das ja eine Branche mit Zukunft sein.
Bei der FDP Hamburg mal nachgefragt, ob die dahinterstecken. Man weiß es selbst nicht so genau, aber der FDP-Mann erwidert:
“Kennen Sie das Stichwort ‘virales Marketing’?”
Ja, liebe FDP, und ich erkenne auch, wenn virales Marketing schlecht gemacht wird. Aber ich tue Euch den Gefallen und verlinke den Wahlwerbespot…
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=hYIxj0857yI]
…weil er so schlecht gemacht ist, dass man ihn gesehen haben muss, um es zu glauben. Die FDP gibt zur Bürgerschaftswahl 2008 keine gute Figur ab:
Die für mich als Nerd brennenden Themen Datenschutz, Vorratsdatenspeicherung, Online-Durchsuchung, innere Sicherheit – alles klassische, liberale FDP-Themen. Leider sind diese offenbar so klassisch, dass die FDP sie schon lange zugunsten eines Daseins als Spaßpartei aufgegeben hat, mit gelben Fliegen, lustigen Synchronsprechern und Guido Westerwelle.
Was sagt es über die FDP aus, dass selbst Die Partei einen professionelleren Wahlkampf betreibt?
Nachtrag:
Die FDP Hamburg hat mir geschrieben.
“Die FDP hat tatsächlich die Werbeagentur Oysterbay für Marketingzwecke beauftragt,” aber die Agentur “nutzt nur legale Wege wie Youtube etc. für die Verbreitung von politischen Botschaften,” denn “eine Verbreitung des Werbespots über Email-SPAM-Verteiler ist in Deutschland nicht zulässig.”
Stimmt, es wäre ja auch voll tollpatschig, wenn man als Partei so vorgehen würde. Fragt sich nur, woher die gestrige Mail kommt, die lt. Mailheader vom Oysterbay-Büro aus verschickt wurde.
Nachtrag 2:
Oysterbay äußert sich bei politik-digital.de:
“[Der Absender war] gar keine reale Person, sondern nur ein Pseudonym. [Die Mail] ‘war deutlich als Wahlwerbung kenntlich gemacht.’ Auf die Frage, warum Oysterbay die Werbebotschaft unter einem Pseudonym über eine GMX-Adresse verschickte und nicht offiziell über eine E-Mail-Adresse der Agentur, antwortete Kemper: ‘Wenn Mails von einer Werbeagentur kommen, dann werden sie weggeklickt, mit einer GMX-Adresse haben wir mehr Chancen, da rein zu kommen.’”
Abgesehen davon, dass die Mail keinerlei Kenntlichmachung auf Wahlwerbung oder den Auftraggeber FDP enthielt: Es ist eine kommunikative Glanzleistung von Herrn Kemper, wie er hier erst erklärt, nicht zu spammen, aber dann erklärt, diese Mails bewusst mit falschen Absenderangaben abzusenden, weil man ja weiß, dass sie unerwünscht sind.
Also so funktioniert Guerilla-Marketing.
Nachtrag 3:
Die nicht reale Person schreibt auch Blog-Kommentare.
Nachtrag 4:
Die FDP hat die Abmahnung meines Anwalts akzeptiert.