Apropos Internet-Sperren: Es gibt jetzt eine Beta-Version der Stopp-Seite im Netz.

Ach, ich liebe dieses Internet! Nein, ich meine, ich liebe Euch doch alle!

Die gleichen Politiker, die da Deutsch im Grundgesetz fordern, haben die Arbeitsbedingungen für “Deutsch als Fremdsprache”-Dozenten so sehr verschlechtert, dass diese ihren Beruf lieber aufgeben.

(Ich kenne mehrere DaF-Dozenten aus Hamburg, die in den letzten beiden Jahren angesichts der trostlosen Bedingungen die Branche gewechselt haben.)

Die Aktion “Deutsch ins Grundgesetz” ist Symbolpolitik ohne Folgen.

Das tatsächliche Problem der Sprach-Integration von Zuwanderern wird dadurch kein Stück gelöst.

Ursula von der Leyen hat da einen Vorschlag:

“Ich will einen Damm bauen gegen die Flut der Bilder, indem wir den Zugang für den Kunden blockieren. [..] Jetzt sollen die Zugangsanbieter gesetzlich verpflichtet werden, die [Sperr-]Listen zu beachten und solche Websites unverzüglich zu schließen. Der Kunde klickt an und läuft ins Leere – kein Anschluss unter dieser Nummer. Das ist technisch möglich, und es ist rechtlich möglich. Es gibt Länder, die das seit Jahren erfolgreich machen. [..] Wir müssen das Telemediengesetz ändern. [..] Wir sind bereit, auf Staatskosten das Computerprogramm zur Sperrung solcher Websites zu entwickeln.”

Stimmt, es gibt Länder, die das seit Jahren erfolgreich machen. China z.B. sperrt aus reiner Sorge um seine Bürger bestimmte Inhalte, darunter auch die, welche Frau von der Leyen sperren möchte.

Das Hamburger Abendblatt, das Frau von der Leyen heute kritiklos ein Forum für ihren Vorschlag zur Internetzensur gab, hatte China bereits öfter dafür angegriffen, dass dort der Staat entscheidet, was der Bürger anklicken darf, und u.a. “Regime” und “Diktatur” genannt.

Tonight Only:

Heike und ich machen unsere eigene Wahlparty und gucken Wag the Dog. Hoffentlich ist der Film in der Videothek noch zu haben.

Terroristen suchen die Öffentlichkeit. Terrorismus ist PR:

“Terrorismus [ist] symbolische Gewalt mit echten Toten. Denn Terrorismus ist ja in gewissem Sinne immer Kommunikation, allerdings eine Kommunikation mit wirklichen Toten.”
Stefan Aust

Die Täter brauchen angsteinflößende Berichte über ihre Taten. Sie bringen ein paar wenige um, damit die ganze Gesellschaft in Angst und Schrecken gerät. Anschläge, deren Folgen die Öffentlichkeit nicht erfährt, sind nutzlos.

Man muss in Zukunft wohl damit rechnen, dass Anschläge auf Objekte wahrscheinlicher werden, wenn diese von Überwachungskameras beobachtet werden. Denn das gibt Material für die Abendnachrichten:

Verhindern konnte die Kamera diesen Anschlag nicht.

  • Von mir aus kann jeder personenbezogene Daten sammeln, was, wie und soviel er will. Aber er muss dies offenlegen und dem Betroffenen klar machen, was er tut. Wer das nicht tut oder gar leugnet, macht sich strafbar.
  • Wer Daten sammelt, muss mir auf Anfrage zeitnah und vollständig darstellen, welche Daten er über mich gesammelt und was er damit getan hat und tun wird. Wer das nicht tut oder gar leugnet, macht sich strafbar.
  • Wer persönliche Daten sammelt, muss für jeden Datensatz lückenlos dokumentieren können, woher die Daten stammen. Wer das nicht kann, macht sich strafbar.
  • Wer solche persönlichen Daten ohne korrekte Dokumentation einkauft und weiterverwendet, macht sich ebenso strafbar.
  • Wer persönliche Daten weiterverkauft, muss den Weiterverkauf für jeden Datensatz dokumentieren können, sonst macht er sich strafbar.
  • Wenn ich nicht will, dass Unternehmen X meine Daten weiterverkauft, muss es sich auch daran halten. Wenn X das trotzdem tut, macht es sich strafbar.
  • Die Regeln gelten auch für den Staat und dessen Behörden.
  • Die Strafen müssen richtig weh tun.
  • Datenschutzbehörden müssen Datenhaltung überprüfen und Strafen durchsetzen können. Sie müssen politisch unabhängig sein. Und endlich mehr sein als vom Staat und der Wirtschaft ignorierte Bedenkenträger.

Schwer oder undurchsetzbar erscheint das alles nicht, aber weder seriöse Adresshändler noch die staatlichen Behörden könnten diese Forderungen heute erfüllen. Aber vermutlich ist das naiv und ich habe ein paar Dinge übersehen.

Foto von rpongsaj via flickr.

Kurz die bekannten Fakten:

Callcenter werden zwar von Lokalpolitikern in strukturschwachen Regionen mit Fördergeldern angelockt und dann bejubelt, aber wer vom Arbeitsamt faktisch gezwungen wird, dort zu arbeiten, freut sich ebenso wenig wie die Angerufenen, die er nerven muss. “Outbound”, der Euphemismus für Coldcall / Kaltakquise, bedeutet eine enorme psychische Belastung. Die Mitarbeiterfluktuation ist überdurchschnittlich.

Foto von brycej via flickr

Callcenter-Agenten müssen eigentlich sich und ihren Arbeitgeber auf Anfrage identifizieren, ebenso wie sie die Quelle ihrer Daten nennen müssen. Aber sie rufen in aller Regel ohne Anrufer-Kennung und mit falschem Namen an und legen lieber auf, wenn man sie danach fragt. Der Angerufene hat ja eh keine Handhabe gegen den Anrufer.

Auftraggeber wählen bei Callcentern den billigsten Anbieter und bezahlen einen Bonus pro erfolgten Abschluss. Callcenter-Agenten erhalten einen sehr niedrigen Stundenlohn und können diesen nur durch Abschlussprämien zu einem Gehalt auf Niedriglohnniveau aufstocken.

Es ist keine Neuigkeit, dass Outbound-Callcenter unseriös arbeiten. Schon lange gibt es Presse- und Insiderberichte, ohne dass es zu ernsthaften Sanktionen kam, die üblichen Verdächtigen der Coldcall-Betrüger arbeiten seit Jahren ungestört und zahlen ab und zu geringe Strafen, die in keinem Verhältnis zum Schaden stehen.

Die Berichte erzählen übereinstimmend, dass Callcenter-Agenten verheizt werden und man nur durch Tricks und / oder Betrug die erwartete Abschlussquote erreichen kann. Wer als Outbound-Callcenter-Agent lange im Geschäft bleibt, muss sein Gewissen abschalten oder erst gar keins mitgebracht haben.

Callcenter sind eine Methode, um Verantwortung zu verschleiern. Der Auftraggeber kann immer sagen, dass das böse Callcenter unseriös gearbeitet hat, das Callcenter kann den bösen Agenten als bedauerlichen Einzelfall hinstellen, der Betrogene kann den Agenten aber nicht identifizieren. Am Ende hat sich keiner die Hände schmutzig gemacht.

Verbraucherberatung und Presse geißeln seit langem Telefonieanbieter und Lotteriebetreiber wegen betrügerischer Callcenter-Anrufe, aber die bestreiten stets jede Schuld daran. Sie wissen zwar, dass ihre Auftragsvergabe und die Arbeitssituation Betrug notwendig machen, aber sie verschließen beide Augen und tun so, als wären sie daran völlig unschuldig.

Und jetzt sind plötzlich alle überrascht, dass in dieser Branche Kundendaten missbraucht werden und es zu Kontobetrug kam?

Foto von brycej via flickr

Erstaunlich, wie aktuell dieser Spiegel-Artikel von 1986 (PDF-Version) geblieben ist:

Bonn richtet einen Datensupermarkt für Polizei und Geheimdienste ein: Mit einem Bündel von sieben Gesetzentwürfen will die Koalition den Sicherheitsbehörden weitreichende Überwachungsbefugnisse einräumen. [..]

Die neuen Gesetze zur inneren Sicherheit, in monatelangen Geheimverhandlungen zwischen Koalitionspolitikern und Ministerialbürokraten ausgetüftelt und nun zur eiligen Beschlußfassung ins Parlament gereicht, stellen den Datenschutz auf den Kopf. Ein gehöriges Stück Liberalität und Rechtsstaatlichkeit geht verloren. Wenn die Entwürfe Gesetz werden, dürfen Polizei und Geheimdienste fast nach Belieben Bürger offen aushorchen und heimlich belauschen. Was sie dabei erfahren, dürfen sie in Datenbanken speichern und untereinander austauschen. [..]

Schlimm genug, was jetzt schon an der Tagesordnung ist: daß die Datensammlungen nicht nur Straftäter und Verdächtige, sondern auch Unbescholtene registrieren. Das schwerwiegende Indiz ist ebenso gespeichert wie die Bagatelle, und häufig verbirgt sich hinter einer Computer-Notierung nichts anderes als demokratisches Engagement. [..]

Ein “Musterentwurf” der Innenministerkonferenz räumt der Polizei die Anwendung nachrichtendienstlicher Mittel ein [..] – womit sich, käme das Gesetz zustande, die Grenzen zwischen Polizei und Geheimdienst weiter verwischen würden. [..] Polizei und Geheimdienst – das weckt zwangsläufig Erinnerungen an die Gestapo. Deshalb war das Trennungsgebot – keine Polizeibefugnisse für die Geheimdienste, keine Geheimdienstaufgaben für die Polizei – nachkriegsdeutsche Selbstverständlichkeit, bekam es Verfassungsrang. [..]

Das Ungleichgewicht verschiebt sich damit weiter zu Lasten der Bürger. Während sie zunehmend rechtlos gestellt werden, treiben die Staatsorgane die sicherheitstechnische Aufrüstung voran. Die elektronische Buchhaltung schlägt jede Begegnung mit der Ordnungsmacht dem Mißtrauenskonto zu: Jeder gilt, bis zum Beweis des Gegenteils, als Sicherheitsrisiko.

Aber auch damals schon gab es Datenmüll:

So war etwa ein dreijähriges Kind wegen eines Ladendiebstahls im landesweit abrufbaren Kriminalaktennachweis registriert, ein Fünfjähriger war wegen vorsätzlicher Körperverletzung und “Mißhandlung von Schutzbefohlenen” notiert, einem gerade sechs Jahre alten Jungen hing in der Datei eine fahrlässige Brandstiftung an. Bei einer einzigen Polizeidirektion waren drei Personen verzeichnet, die bereits vor ihrer Geburt Straftaten begangen haben sollten. Mancher gerät auch noch im hohen Alter auf merkwürdige Weise in die Datenbanken der Polizei, wie Stollreither feststellte; so eine 80jährige Frau, die gegen das Sprengstoffgesetz verstoßen haben soll, oder ein 84jähriger Mann, der wegen der “Vorbereitung eines Angriffskriegs” gespeichert war. [..]

Der Hamburger Verfassungsschutz-Chef Christian Lochte (CDU) [..] erinnert daran, wie in den siebziger Jahren die Terroristen-Dateien aufgebläht wurden. Anfangs, so Lochte, waren da “200 bis 300 Leute drin”, aber dann hat sich das Reservoir “in einer relativ kurzen Zeit von zwei, drei Jahren um das Zehnfache vergrößert”.

Das gleiche passierte bei der Datei der vermuteten Kontaktpersonen: “Zunächst waren nur wenige hundert eingegeben”, doch die “haben sich wie die Karnickel vermehrt” – bald befanden sich in der Sammlung 11000 Personen. Lochte: “Wir hatten natürlich niemals – jeder weiß das ja – 3000 Terroristen in der Bundesrepublik”, tatsächlich sei “noch nicht einmal ein Zehntel wirklich relevant” gewesen.

“Information does not want to be free. Information wants to be tied up and spanked.”
via

Für die Bürgerschaftswahl-Werbekampagne “Wirf deine Stimme nicht weg” hatte man eine nette Idee: Der Spruch wurde auf Hamburger Papierkörben im ganzen Stadtgebiet geklebt. Ob die Werbeagentur da allerdings schon wusste, dass man am Wahltag umgebaute Mülltonnen (dpa nannte sie liebevoll “Wahltonnen”) einsetzen wird?

Vor der Wahl:

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Die Wahl:

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Die Auszählung:

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Nach der Wahl:

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