Tonight Only:
Heike und ich machen unsere eigene Wahlparty und gucken Wag the Dog. Hoffentlich ist der Film in der Videothek noch zu haben.
Tonight Only:
Heike und ich machen unsere eigene Wahlparty und gucken Wag the Dog. Hoffentlich ist der Film in der Videothek noch zu haben.
Terroristen suchen die Öffentlichkeit. Terrorismus ist PR:
“Terrorismus [ist] symbolische Gewalt mit echten Toten. Denn Terrorismus ist ja in gewissem Sinne immer Kommunikation, allerdings eine Kommunikation mit wirklichen Toten.”
Stefan Aust
Die Täter brauchen angsteinflößende Berichte über ihre Taten. Sie bringen ein paar wenige um, damit die ganze Gesellschaft in Angst und Schrecken gerät. Anschläge, deren Folgen die Öffentlichkeit nicht erfährt, sind nutzlos.
Man muss in Zukunft wohl damit rechnen, dass Anschläge auf Objekte wahrscheinlicher werden, wenn diese von Überwachungskameras beobachtet werden. Denn das gibt Material für die Abendnachrichten:
Verhindern konnte die Kamera diesen Anschlag nicht.

Schwer oder undurchsetzbar erscheint das alles nicht, aber weder seriöse Adresshändler noch die staatlichen Behörden könnten diese Forderungen heute erfüllen. Aber vermutlich ist das naiv und ich habe ein paar Dinge übersehen.
Foto von rpongsaj via flickr.
Kurz die bekannten Fakten:
Callcenter werden zwar von Lokalpolitikern in strukturschwachen Regionen mit Fördergeldern angelockt und dann bejubelt, aber wer vom Arbeitsamt faktisch gezwungen wird, dort zu arbeiten, freut sich ebenso wenig wie die Angerufenen, die er nerven muss. “Outbound”, der Euphemismus für Coldcall / Kaltakquise, bedeutet eine enorme psychische Belastung. Die Mitarbeiterfluktuation ist überdurchschnittlich.

Callcenter-Agenten müssen eigentlich sich und ihren Arbeitgeber auf Anfrage identifizieren, ebenso wie sie die Quelle ihrer Daten nennen müssen. Aber sie rufen in aller Regel ohne Anrufer-Kennung und mit falschem Namen an und legen lieber auf, wenn man sie danach fragt. Der Angerufene hat ja eh keine Handhabe gegen den Anrufer.
Auftraggeber wählen bei Callcentern den billigsten Anbieter und bezahlen einen Bonus pro erfolgten Abschluss. Callcenter-Agenten erhalten einen sehr niedrigen Stundenlohn und können diesen nur durch Abschlussprämien zu einem Gehalt auf Niedriglohnniveau aufstocken.
Es ist keine Neuigkeit, dass Outbound-Callcenter unseriös arbeiten. Schon lange gibt es Presse- und Insiderberichte, ohne dass es zu ernsthaften Sanktionen kam, die üblichen Verdächtigen der Coldcall-Betrüger arbeiten seit Jahren ungestört und zahlen ab und zu geringe Strafen, die in keinem Verhältnis zum Schaden stehen.
Die Berichte erzählen übereinstimmend, dass Callcenter-Agenten verheizt werden und man nur durch Tricks und / oder Betrug die erwartete Abschlussquote erreichen kann. Wer als Outbound-Callcenter-Agent lange im Geschäft bleibt, muss sein Gewissen abschalten oder erst gar keins mitgebracht haben.
Callcenter sind eine Methode, um Verantwortung zu verschleiern. Der Auftraggeber kann immer sagen, dass das böse Callcenter unseriös gearbeitet hat, das Callcenter kann den bösen Agenten als bedauerlichen Einzelfall hinstellen, der Betrogene kann den Agenten aber nicht identifizieren. Am Ende hat sich keiner die Hände schmutzig gemacht.
Verbraucherberatung und Presse geißeln seit langem Telefonieanbieter und Lotteriebetreiber wegen betrügerischer Callcenter-Anrufe, aber die bestreiten stets jede Schuld daran. Sie wissen zwar, dass ihre Auftragsvergabe und die Arbeitssituation Betrug notwendig machen, aber sie verschließen beide Augen und tun so, als wären sie daran völlig unschuldig.
Und jetzt sind plötzlich alle überrascht, dass in dieser Branche Kundendaten missbraucht werden und es zu Kontobetrug kam?
Foto von brycej via flickr
Erstaunlich, wie aktuell dieser Spiegel-Artikel von 1986 (PDF-Version) geblieben ist:
Bonn richtet einen Datensupermarkt für Polizei und Geheimdienste ein: Mit einem Bündel von sieben Gesetzentwürfen will die Koalition den Sicherheitsbehörden weitreichende Überwachungsbefugnisse einräumen. [..]
Die neuen Gesetze zur inneren Sicherheit, in monatelangen Geheimverhandlungen zwischen Koalitionspolitikern und Ministerialbürokraten ausgetüftelt und nun zur eiligen Beschlußfassung ins Parlament gereicht, stellen den Datenschutz auf den Kopf.
Ein gehöriges Stück Liberalität und Rechtsstaatlichkeit geht verloren. Wenn die Entwürfe Gesetz werden, dürfen Polizei und Geheimdienste fast nach Belieben Bürger offen aushorchen und heimlich belauschen. Was sie dabei erfahren, dürfen sie in Datenbanken speichern und untereinander austauschen. [..]
Schlimm genug, was jetzt schon an der Tagesordnung ist: daß die Datensammlungen nicht nur Straftäter und Verdächtige, sondern auch Unbescholtene registrieren. Das schwerwiegende Indiz ist ebenso gespeichert wie die Bagatelle, und häufig verbirgt sich hinter einer Computer-Notierung nichts anderes als demokratisches Engagement. [..]
Ein “Musterentwurf” der Innenministerkonferenz räumt der Polizei die Anwendung nachrichtendienstlicher Mittel ein [..] – womit sich, käme das Gesetz zustande, die Grenzen zwischen Polizei und Geheimdienst weiter verwischen würden. [..] Polizei und Geheimdienst – das weckt zwangsläufig Erinnerungen an die Gestapo. Deshalb war das Trennungsgebot – keine Polizeibefugnisse für die Geheimdienste, keine Geheimdienstaufgaben für die Polizei – nachkriegsdeutsche Selbstverständlichkeit, bekam es Verfassungsrang. [..]
Das Ungleichgewicht verschiebt sich damit weiter zu Lasten der Bürger. Während sie zunehmend rechtlos gestellt werden, treiben die Staatsorgane die sicherheitstechnische Aufrüstung voran. Die elektronische Buchhaltung schlägt jede Begegnung mit der Ordnungsmacht dem Mißtrauenskonto zu: Jeder gilt, bis zum Beweis des Gegenteils, als Sicherheitsrisiko.
Aber auch damals schon gab es Datenmüll:
So war etwa ein dreijähriges Kind wegen eines Ladendiebstahls im landesweit abrufbaren Kriminalaktennachweis registriert, ein Fünfjähriger war wegen vorsätzlicher Körperverletzung und “Mißhandlung von Schutzbefohlenen” notiert, einem gerade sechs Jahre alten Jungen hing in der Datei eine fahrlässige Brandstiftung an. Bei einer einzigen Polizeidirektion waren drei Personen verzeichnet, die bereits vor ihrer Geburt Straftaten begangen haben sollten. Mancher gerät auch noch im hohen Alter auf merkwürdige Weise in die Datenbanken der Polizei, wie Stollreither feststellte; so eine 80jährige Frau, die gegen das Sprengstoffgesetz verstoßen haben soll, oder ein 84jähriger Mann, der wegen der “Vorbereitung eines Angriffskriegs” gespeichert war. [..]
Der Hamburger Verfassungsschutz-Chef Christian Lochte (CDU) [..] erinnert daran, wie in den siebziger Jahren die Terroristen-Dateien aufgebläht wurden. Anfangs, so Lochte, waren da “200 bis 300 Leute drin”, aber dann hat sich das Reservoir “in einer relativ kurzen Zeit von zwei, drei Jahren um das Zehnfache vergrößert”.
Das gleiche passierte bei der Datei der vermuteten Kontaktpersonen: “Zunächst waren nur wenige hundert eingegeben”, doch die “haben sich wie die Karnickel vermehrt” – bald befanden sich in der Sammlung 11000 Personen. Lochte: “Wir hatten natürlich niemals – jeder weiß das ja – 3000 Terroristen in der Bundesrepublik”, tatsächlich sei “noch nicht einmal ein Zehntel wirklich relevant” gewesen.
“Information does not want to be free. Information wants to be tied up and spanked.”
via
Für die Bürgerschaftswahl-Werbekampagne “Wirf deine Stimme nicht weg” hatte man eine nette Idee: Der Spruch wurde auf Hamburger Papierkörben im ganzen Stadtgebiet geklebt. Ob die Werbeagentur da allerdings schon wusste, dass man am Wahltag umgebaute Mülltonnen (dpa nannte sie liebevoll “Wahltonnen”) einsetzen wird?



Nach der Wahl:

Das Hamburger Abendblatt hat am Dienstag alle Wahllokal-Ergebnisse abgedruckt – und die Ergebnisse zweier Parteien vertauscht gelistet. Heute schreibt die Redaktion:
“Eine Bitte um Entschuldigung: [..] Diesmal haben wir die Daten nicht per Hand, sondern über eine Software eingelesen. Und was passiert? Da, wo GAL in der Liste steht, tauchen die Prozentzahlen der FDP auf – und umgekehrt. [..] Unsere Leser können wir nur um Entschuldigung bitten.”
Leider eine lahme Ausrede, denn die Abendblatt-Redaktion verwendet seit sehr vielen Jahren ein vollständig EDV-gestütztes Redaktionssystem, irgendwo ist also immer eine Software zwischen Redakteur und Zeitungspapier. (Kaum zu glauben, dass die Zahlenkolonnen noch bei der letzten Wahl von Hand übertragen wurden.) Vermutlich hat da also nur jemand die Software falsch bedient, anschließend hat’s niemand geprüft und jetzt schiebt man es auf “die Software”.
Indirekt hat das wieder mit dem Thema Wahlcomputer zu tun: Wahlhelfer müssen (und werden) einem Computer blind vertrauen, dass der schon alles richtig zählt. Nachdenken müssen, Nachprüfen können Wahlhelfer dann nicht mehr.
“Alles, was danach passiert, ist eine black box. Natürlich muss der Computer ‘nur noch’ addieren, aber für die Wahlhelfer ist nicht auf einen Blick ersichtlich, ob ein ausgewerteter Stimmzettel korrekt den jeweiligen Parteien oder Kandidaten zugeordnet wird. Natürlich kann man im Kopf mitzählen und nach jedem zweiten Stimmzettel auf den Reiter der Ergebnisse gucken und schauen, ob diese noch passen. [..] Bei all diesen Kontrollen darf man nicht vergessen, dass der typische Computernutzer seinem Gerät vertraut. Er bekommt die Anweisung, nach einer Eingabe alles zu kontrollieren. Das macht er 20 Minuten lang. Spätestens dann glaubt er dem Computer, weil der macht immer das gleiche und hat ja eh immer Recht.”
Einige Blogger diskutieren bereits die Hamburg-Wahl und geben dem neuen Wahlrecht die Schuld für die miese Wahlbeteiligung.
Ich war früher auch sehr skeptisch und erwartete große Probleme mit dem neuen Wahlrecht, aber nach der gestrigen Premiere als Wahlhelfer bin ich überzeugt, dass die ach-so-schrecklich-komplizierten 2 x (1 + 5) = 12 Kreuze nicht die Ursache dafür sein können, dass die Wähler lieber zu Hause blieben.
In “meinem” Wahllokal waren die allermeisten Wähler gut vorbereitet, die vor der Wahl verschickten Wahlzettel waren für viele ein Anlass, sich sehr genau damit zu beschäftigen. Einzelne schimpften und schwadronierten. Aber wenn, dann kritisierten sie eigentlich nur die Kosten der längeren Auszählung und dass das alles ja eh nichts verbessern wird. Viele bedauerten uns Wahlhelfer für die längere Auszählung, eine Wählerin brachte Süßigkeiten mit. (Nett!) Aber vielleicht war dieses Wahllokal nicht repräsentativ: Hätte ganz Hamburg so gewählt wie bei uns, Michael Naumann wäre mit Abstand Bürgermeister.
Auch ich habe “meine” Kandidaten vor der Wahl einzeln recherchiert und nun bewusst die gewählt, von denen ich denke, dass sie meine Interessen vertreten. Sie standen nicht oben auf ihrer Liste. Mal sehen, aber es sollte eine Verbesserung sein, dass treue Parteisoldaten nun nicht mehr wie bisher nur bräsig auf ihrer Listenposition hocken müssen, um gewählt zu werden.
Chaos und Warteschlangen blieben aus, die Wahlhelfer kamen gut zurecht, so auch in unserem Wahllokal.
Vor der Wahl wurde befürchtet, dass die Wahlergebnisse nun erst nach Tagen ausgezählt sind und Politik und Öffentlichkeit bis dahin im unklaren bleiben, wie es weitergeht. Platte Propaganda. Die Parteiergebnisse waren so schnell wie auch früher da und nun muss man nur noch die Kandidatenauszählung abwarten. Kein Problem, auch nicht in einer schnellen Mediendemokratie.
Der Hamburger Wahlstift war zerbrochen. Wahlleitung, CDU und Lokalpresse jammerten im Chor darüber, dass man es nie schaffen würde, die nun benötigten Wahlhelfer zusammenzutrommeln. Gründe genug, sich als Wahlhelfer zu melden und mal kennenzulernen, wie so eine Wahl von innen aussieht.

Mit dem neuen Hamburger Wahlrecht steigt die Zahl der Kreuze und der Umfang des Wahlzettels. Für das gestiegene Papiervolumen stand eine formschöne Wahlurne im Hamburger Rot-Weiß bereit (“geprüfte Behälter-Qualität”). Einige Wähler amüsierten sich über die gut erkennbare, umgebaute Plastikmülltonne.

Obwohl die Presse das Wahlrecht als hochkomplex beschrieb, ließen sich die Wähler offenbar nicht davon abschrecken. Die Wahlbeteiligung in unserem Lokal war fast so hoch wie bei der vorherigen Wahl, trotzdem waren die allermeisten gut über Kumulieren und Panaschieren informiert. Nur wenige hatten Fragen, vereinzelt wurde über die Kosten schwadroniert.
(Ich habe zuletzt in diesem Blog auch öfter geschrieben, dass das Wahlrecht zu kompliziert sei – das nehme ich nun zurück.)

Heike und ich waren nur bei der einfachen Auszählung der Landes- und Bezirkslisten dabei, diese dauerte ca. 2,5 Stunden und verlief problemlos.

Die Auszählung erfolgte per Hand, der einzige eingesetzte Computer war der angerostete, aber voll funktionstüchtige 24 Jahre alte Sharp-Taschenrechner des Wahlvorstands.
Die Auszähler waren ein buntes, gut gelauntes Volk, eine Wahlhelferin war 85 Jahre alt. Die Stimmen für DVU und Kusch wurden von den Wahlhelfern unter lautem Fluchen kommentiert, aber natürlich brav mitgezählt.
Die eigentlich interessante Auszählung der Kandidatenzettel mit ihren 2 x 5 Stimmen beginnt morgen. Diese Stimmzettel sind die Neuheit und der Grund, warum man sich einen Wahlstift als “Zählhilfe” wünschte. Es wird also spannend, welche Erfahrungen man mit der Handauszählung machen wird.

Die Wahl und ihre Auszählung waren leicht verständlich und für jeden nachvollziehbar. Als Informatiker erscheint mir das der bessere Weg gegenüber einem für Laien nicht verständlichen und für Experten nicht prüfbaren Wahlcomputer.
Es war interessant, bei der nächsten Wahl sind wir wohl wieder dabei.